360 Gramm Dresden – Das neue Stadtmagazin!

Bei Stadtmagazinen kommt es nun auch aufs Gewicht an. Ein neues Printprodukt für die Landeshauptstadt will es ganz anders machen als der Rest. Wir haben seine Release-Party besucht und das Magazin mal unter die Lupe genommen.

Hardcore-Ambient-Jazz klingt genauso seltsam, wie man es erwartet. Da spielt eben einer mit einem Geigenbogen auf einer E-Gitarre und so. Zweifellos macht das „Ambiente“ – aber eben eines, das nicht für jeden zugänglich ist. Ist aber auch egal, denn die (leider leider scheidende) Location LAB15 ist ja für diese Art kontroverser Entertainment-Lust bekannt, geliebt, beäugt. Man versteht sich schließlich selber als „erwachte“, kreativ genutzte Industriebrache, Produktions- und Veranstaltungsort für freies Theater, Musik und Kunstprojekte. Ich hab hier schon erlebt, wie in Performances Babypuppen Köpfe abgebissen wurden. Der  etwas absonderliche Ambient-Jazz-Programmpunkt, der an diesem Samstagabend vom Laurent De Schepper Trio gestaltet wird, passt also hierher wie Arsch auf Eimer.

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Das Lab15 liegt eingehuschelt im Industriegelände und ist immer noch die rustikale, halbfertige Schönheit, der ich beim ersten Besuch bereits verfallen bin. Nur das Nötigste hat man daran gemacht. Die Krikel-Krakel-Grafittis im Treppenaufgang, die Stellen an der Wand ohne Putz, die alten Fensterrahmen hat man glücklicherweise übrig gelassen. Hier und da hat man neue Farbe aufgetan, aber nie zum Abdecken des Nicht-Makellosen. Immer zum Unterstreichen der rustikalen Anmut. Schön ist es hier, auch wenn es nur kleine Pilsner Urquell gibt, die 2,50 kosten.

Meinten Sie 316 Gramm?

Mit der Location hat das neue Stadtmagazin 360 Gramm Dresden also schon einmal in die Vollen gegriffen. Via Crowdfunding hat die „Gruppe idealistischer, print-begeisterter Dresdner ohne finanzstarken Verlag im Rücken“ das neue Projekt finanziert, das man hier heute feiert. Allein dafür gebührt ihr schon Achtung. 6 Euro Eintritt kostet mich der Abend, 4,90 Euro das Heft, zu dem man mir direkt Merchandise verkaufen will. Ich winke ab, ich muss es ja erstmal lesen, bevor ich den hippen, mit Siebdruck verschönerten Jute-Rucksack mit der Aufschrift „Wie schwer ist Dresden?“ durch die Gegend tragen kann. Es ist laut hier im Tanzsaal, aber hell genug zum Lesen hier und da. Also schauen wir uns das haptisch ohne Frage beindruckende Heft mal an.

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360 Gramm soll es schwer sein (der Test zu Hause zeigt: es sind nur 316 Gramm) und ganz Dresden soll es in diesen paar Gramm Gewicht zusammenballen. „360 GRAMM setzt dort an, wo andere Dresdner Printmedien an ihre Grenzen stoßen – inhaltlich, formal und gestalterisch,“ lässt das Magazin auf seiner Website wissen. Hoch gesteckte Ziele, das lob ich mir. Zumindest inhaltlich kann Dresden ja ganz gut mit starken Kulturmagazinen aufwarten. Spannender ist in der Tat das Format. Das neue Magazin will Geschichten erzählen, Meinungen abbilden, Perspektive wechseln. Was also kommt da raus? Schon der erste Blick verrät: Inhaltlich geht es um Vieles, was Dresden jetzt und manchmal auch immer bewegt: Provinzialität, Tunnel erhalten, die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025, das entstehende Kulturzentrum am Kraftwerk Mitte, Geburtenhoch, Heimat. Ja und weiter?

Was ist neu?

Das Autorenkollektiv ist erfreulich divers. Neben einem 15-köpfigen Team freier Autoren (und kein einziger Poetry Slammer, Chapeau!) konnte man Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg vom Institut für Soziologie für ein Essay gewinnen. Stadtschreiber Peter Wawerzinek füllt die Literaturspalte der ersten Ausgabe. Sie alle geben Meinungen ab oder mutmaßen, orakeln. Sie sprechen mit Machern, Gründern, Leuten, denen sie durch Zufall auf der Straße begegnen. Sie bilden ab, erzählen, beschreiben – manchmal auch Dinge, die wir alle wissen. Manchmal sogar Dinge, die schon hinlänglich diskutiert worden sind.

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Ist das so, wie sie es machen, super neu? Auf eine Art schon. Ist das lesenswert? Oft ja. Manchmal sogar unbedingt. Der Fokus liegt auf hochwertigen Texten und anheimelnden Formaten mit Wiedererkennungswert, thematisch trifft man ins gegenwärtig-stadtpolitische Schwarze. Und ohne Diskussion ist das Heft natürlich ein Hingucker. Gestalterisch hebt es sich von den Konkurrenzmagazinen (wenn man die denn überhaupt so nennen möchte) natürlich ab. Naturpapier, Magazin-Format, viel Weißraum. Die Illustrationen sind liebe- und kunstvoll, Konzeptfotografie begleitet die Beiträge. Mit namhaften Fotografen wie Thomas Schlorke und Tobias Ritz hat man sich auch die hiesige Fotoprominez mit ins Heft geholt.

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Die erste Ausgabe wirkt trotzdem leicht wackelig auf den Beinen. Ein bisschen hat man das Gefühl, sie bewegt sich so unsicher durch ihren eigenen Anspruch wie ein Studienanfänger durch die grau-schläfigen Gründerhipster hier auf der Party, auf der später (nach dem Kneipenchor) natürlich noch House von Plattentellern serviert wird. Einige der redaktionellen Fomate gehen nicht ganz auf, der ein oder andere Text wirkt ein wenig uninspiriert. Und selbst wenn das Magazin herrlich ist, weil es eben nicht Neustadt-zentriert daherkommt, schlägt am Ende doch noch der Gentrifizierungshammer auf die Meinungshoheit. Natürlich kam man auch an einer Hashtag-Aktion via Instagram nicht vorbei und konnte die Magic City nicht umschiffen. Trotzdem ist diese erste Ausgabe gelungen. Sogar irgendwie sehr. Vielleicht ist 360 Gramm noch nicht ganz reif. Aber ist reif nicht sowieso ein Schimpfwort? Ich denke, man darf das neue Heft guten Gewissens mitspielen lassen. Kauft es euch! Kauft es euch alle! Es ist sehr Dresden.

360 GRAMM Dresden

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Fotos: Alexander Peitz

 

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