Spaßig – Sherlock Holmes und die Schnecken von Eastwick im Boulevardtheater

Foto: Robert Jentzsch.

Das Boulevardtheater hat sich an Sherlock Holmes gewagt. Gelingt dem Haus mit der Komödie um den Meisterdetektiv und die „Schnecken von Eastwick“ ein weiterer Theater-Hit?

Wart ihr eigentlich schonmal im Boulevardtheater? Falls nicht: Schaut euch das mal an, es ist toll. Über der Garderobe gibt ein Schriftzug den Tipp, hier doch neben Taschen und Jacken auch einfach die eigenen Alltagsprobleme abzugeben. Denn seit Spielzeitbeginn 2014 hat sich das Boulevardtheater der hohen „Kunst des Amüsements und der herzerfrischenden Unterhaltung“ verschrieben. Soll heißen: Kopp aus, Grinsen an. Und es gelingt dem hübschen Theater seit Beginn sehr erfolgreich, sein Publikum mitzunehmen. Die Alltagsflucht ist hier leicht. Schon beim ersten Schritt, mit dem man den Eingang hinter sich lässt, ist man in einer anderen Welt. Ich sag nur: Shiny Floor! Ich selber hab es viel zu lange versäumt, das Volkstheater zu besuchen, aber das neue Stück „Sherlock Holmes und die Schnecken von Eastwick“, dass am 12. Februar seine Uraufführung feierte, musste es dann doch sein.

Ich bin nicht sicher, ob ich seit der Serie „Sherlock“ wirklich Fan der Detektiv-Geschichten bin oder einfach nur in Benedict Cumberbatch verliebt. Nachdem das Stück seit Ende letzten Jahres mit großen Plakaten in der Stadt beworben wurde, schaute mich von allen Ecken Hauptdarsteller Boris Schwiebert als Sherlock an, welcher Cumberbatch zum verwechseln ähnlich sah – zumindest aus dem Augenwinkel. Das ist zugegebenmaßen kein ehrenwerter Grund, das Boulevardtheater nun VIEL ZU SPÄT zu besuchen. Ich hätte beispielsweise gehen sollen, als alle Welt von „La Boum“ sprach. Aber besser spät als nie. Also: Über den Shiny Floor schweben, Platz finden und gespannt auf den schweren Bühnenvorhang schauen, bis er sich öffnet. Und was dann passiert, liest sich in etwa so…

Über Schneckenforscher

In einer Gewitternacht Ende des 19. Jahrhunderts werden Sherlock Holmes (Boris Schwiebert) und sein Begleiter Dr. John Watson (René Geisler) nach Eastwick Hall bestellt, dem luxuriösen Landsitz von Charles Garlic-Escargot (Stephan Schill), Earl of Eastwick, seineszeichens begeisterter Schneckenforscher und Rosenzüchter. Freilich liegt der gutsituierte Herr des Anwesens mausetot auf dem teuren Sofa im Salon, sonst bräuchten wir ja Sherlock Holmes nicht. Um ihn herum befinden sich voll aufgescheuchtem Entsetzen die frisch gebackene Witwe Carla Garlic-Escargot (Dorothee Krüger), ihre Mutter Amanda V. Creasebottom aka. Countess of Malborough (Monika Hildebrand), das Zimmermädchen Melody Blackbird (Sarah Gebert) und die Köchin Yasmina Deereye (Ilona Raytman). Holmes und Watson machen sich an die Arbeit. Unterstützt werden sie von Mrs. Hudson (Katrin Jaehne), der Hauswirtin der Baker Street 221b, die fest daran glaubt, die beiden Junggesellen würden ohne Sie weder unzerknautschte Kragen tragen noch ordentlich essen. Die Meisterdetektive beginnen sofort die Ermittlungen, schauen natürlich genau auf jedes Detail, analysieren, schlussfolgern. Und selbstverständlich haben irgendwie alle Anwesenden ein Motiv oder wirken zumindest seltsam halbseiden: Die Gräfin eifersüchtig? Die Schwiegermutter mit einem auffällig guten Verhältnis zum Earl? Die betörend schöne, ägyptische Köchin, die mit Vorliebe einen recht speziellen Tee kocht? Und ein seltsam sonniges Hausmädchen? Alles sehr verdächtig!

Die Geschichte hat die Komponenten, die eine Sherlock Holmes-Geschichte braucht: Einen außergewöhnlich rätselhaften Mord, verdächtige reiche Leute und ein Haus voller Indizien. Und dieses Setting haben Regisseur Olaf Becker und sein Team wunderschön in Kulisse gezeichnet: Das Bühnenbild ist umwerfend. Zentral thront das edle Chesterfield-Sofa im Salon, bei dessen Anblick man direkt Lust auf Tea Time bekommt. Der Raum wird dominiert von deckenhohen Bücherregalen voller Shakespeare. Im Hintergrund wird der Blick von einer Glastür zum Wintergarten nach draußen gezogen. Eine geschwungene Treppe führt hinauf zu den Zimmern der Herrschaften, auf die zweite Bühnenebene. Es ist beeindruckend, wie elegant es Dorothee Krüger als Countess von Eastwick gelingt, diese schmale Treppe in ihren phänomenalen, viktorianischen Kleidern zu bespielen. Das Ensemble ist insgesamt ein Schmuckstück, man möchte gar nicht mehr wegschauen.

Am Ende fast mutig

Ein recht zotiger, aber doch liebenswerter Dr. Watson spielt sich im Geschehen nach vorne und fungiert wie in den meisten Holmes-Geschichten als Erzähler. Sherlock Holmes selbst steht groß, still und unlesbar ein wenig Abseits, findet aber in entscheidenden Momenten in seine typisch-monologisierende Rolle. Dem Hausmädchen Melody nimmt man die einfach-gestrickte Lebensfreude ohne Umschweife ab. Bei der Countess of Malborough ist man ganz hin und hergerissen: Ist sie gut? Ist sie ’ne Fiese? Und was soll das mit dem Sprechfehler? Köchin Yasmina hat nicht nur „Deereyes“ sondern spricht auch arabisch auf der Bühne (hört, hört!) und ist wirklich geheimnisvoll.

Auch wenn mir die zugespitzten Dialoge zwischen Homes und Watson ein wenig fehlten: Autor Michael Kuhn hat eine stattliche Volkstheater-Komödie geschrieben, in der die Pausen zwischen den Gags nie lang sind. Mal ein bisschen slapstickig, mal ein wenig schenkelklopferisch, aber dann auch wieder von recht leichtfüßigem Humor, selbstironisch. Es wird gesungen, getanzt, geklatscht – das kommt gut an, das Publikum tobt. Auch wenn die Geschichte am Anfang ein wenig langsam Fahrt aufnimmt, werden am Ende außergewöhnliche, fast mutige Lanzen fürs Zwischenmenschliche gebrochen. Ein unterhaltsames Vergnügen zum Alltagvergessen. Nicht tiefschürfend, spaßig!

Sherlock Holmes und die Schnecken von Eastwick
Eine Kriminalkomödie von Michael Kuhn

Regie: Olaf Becker
Mit: Borsi Schwiebert, René Geisler, Katrin Jaehne, Dorothee Krüger, Monika Hildebrand, Sarah Gebert, Ilona Raytman, Stephan Schill

Nächste Termine:
14.2.2017, 19:30 Uhr, Boulevardtheater Dresden, Großer Saal
27.2.2017, 19:30 Uhr, Boulevardtheater Dresden, Großer Saal
28.2.2017, 19:30 Uhr, Boulevardtheater Dresden, Großer Saal

Comments

comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

%d Bloggern gefällt das: