Von Hochadel und C-Promis – Semperopernball 2016 von draußen

Der Semperoper Openairball ist schräg und kitschig und absolut liebenswert. Eben wegen der Dresdnerinnen und Dresdner.

Ich muss zugeben, es ist nicht leicht, Freunde für dieses Event zu mobilisieren. Ich weiß gar nicht warum. Der Semperopernball ist seit je her eine Anhäufung von Obskuritäten mit größten Entertainment-Potential. So wie ein sehr betrunkener Karnevalsumzug oder etwa das Dschungelcamp. Und so besteht meine Begleiter-Task Force an diesem Abend auch aus RTL2-Sendungs-Muterprobten und Leuten, die sich mit Bier eine große soziale Toleranz antrinken können. Perfekt also! Und ja, auf dieser Veranstaltung ist Alkohol sehr wichtig.

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Der SemperOpernball! Keine Event in Dresden zeigt mehr, dass sich das schöne Elbflorenz zwischen Großstadt- und Provinznest-Sein nicht entscheiden kann. „Opernball“ klingt ja nach Wiener Hochkultur und riecht nach Geld. Und dann ist da der Semperopernball, um den sich irgendwie kaum einer schert. Außer natürlich die Dresdner. Allerorts quetscht man sich einmal im Jahr wieder in die Abiballklamotten, macht sich fein zurecht und geht nicht etwa IN das weltberühmte Opernhaus, sondern DAVOR. Für das Freiluft-Spektakel Ende Januar (super zum Draußenfeiern) hat sich eine schnittige Agentur den zungenbrecherischen Namen Semperoper Openairball ausgedacht. Es ist die Veranstaltung für’s einfache Volk, zu dem abwechselnd ein Promi (etwa Helene Fischer) gerührt vom Balkon der Oper herunter winken darf oder ein JUMP-Moderator flache Witze reißt. Wie gemacht also für alle, die sich keine Karte ab 400 Euro aufwärts leisten können. Und schließlich kommt ja immer der Papst. Ähm der Kaiser, der Roland Kaiser. Und der ist auf jeden Fall der einzige Hochadel auf dieser Veranstaltung.

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Als wir am Theaterplatz ankommen, stehen viele Fans noch zwischen dem Taschenbergpalais und dem zugegebenermaßen absoluten luxuriösen Miet-Klowagen und warten auf die Gelegenheit für Handyfotos von den Wulffs. Die Promiliste ist auch diesjahr wieder kurz. Und das trotz des „Dresdner St. Georgs Ordens des SemperOpernballs“, eines Preises, der vermutlich nur deshalb existiert, damit sich überhaupt Prominenz blicken lässt. Ein paar Stunden vor Beginn hatte auch noch Sarah Connor aus Krankheitsgründen abgesagt und so bleiben an diesem Abend neben den üblichen Verdächtigen wie den de Maizières nur Uschi Glas, Mario Adorf und die hiesige Politikprominenz, um über den roten Teppich zu laufen.

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Aber immer der Reihe nach. Die Extra-Show vor der Oper hat ein wahnsinnig tolles Warm Up. Jessi „von den No Angels“ spricht ausschließlich in Superlativen und hat alle vor der Bühne mega lieb. Sie betont piepsstimmig und mantra-ähnlich, dass es ja draußen viel schöner sei als in der Oper, während ihr Moderationskollege es für nötig hält, den Count Down zum „Rote-Ballons-steigen-lassen“ mit dem Publikum ganze viermal zu üben. Wir fühlen uns diskriminiert. Kurz darauf fordert uns die DRK-Band, bestehend aus einer Keyboarderin und einem Sänger mit Wollmütze, musikalisch auf, „in den Zug der sozialen Berufe“ einzusteigen. Ich denke nur „nö“ und stehe das Lied dank eines großen Schlucks Glühwein mit Ach und Krach durch – in etwa so wie die DRK-Band das vom Band eingespielte Gitarrensolo durchhält. Sie erntet keinen Applaus.

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Während für uns im Dunkeln bleibt, warum die Organisatoren des Balls nicht Fahrtkosten gespart haben und die ortsansässige Vanessa „von den No Angels“ moderieren lassen haben, betritt schon das Live-Übertragungsteam die Bühne. Dieter-Bohlen-Boxsack Marco Schreyl führt an der Seite einer Jump-Moderatorin durch den Abend, die auch gleich einen entlarvenden Satz zum besten gibt: „Oh Seifenblasen! Wenn ich zu normalen Jump-Hörern “blasen“ sage, dann kichern die immer.“ Wir kichern.

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Endlich kommt der Kaiser auf die Bühne und stimmt den Kaiser-Walzer an. Das eigentlich Strauss’sche Werk passt natürlich wie die Faust auf’s Auge zu diesem Event und hat sogar einen schlagerhaften Mitsingtext verpasst bekommen: Dresden dreht sich einmal im Jahr. Ich würde behaupten, dass sich Dresden für einen Großteil der Ansässigen fast jedes Wochenende dreht, aber was weiß ich schon. Die Elbflorentiner jedenfalls lieben ihren Kaiser so abgöttisch, dass sie ihm nicht krumm nehmen, dass er seinen Einsatz verpasst. Oder sie sind es mittlerweile einfach gewohnt.

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Wir schlagen uns zum roten Teppich durch und freunden uns sofort mit circa 12 Rentner an. Einige tragen blinkende Accessoires auf dem Kopf und sind ein Quell der Information. Und hier zeigt sich eben die wahre Feierseele des Dresdners. So warm und herzlich ist man beieinander. Wir kennen einander nicht, sind aber soofort mittendrin in der Gruppe neben uns. Es wird gemeinsam geschwätzt und gelacht und die Menschen auf dem Theaterplatz bekommen feuchte Augen, wenn jemand sagt, die Semperoper ist die schönste der Welt. Scheiß auf Sidney. Wir schießen Fotos für die Enkel unser Mitfeierer in Kanada und schunkeln und alles ist einfach nur wunderbar verschroben und liebenswert. Wie im Stadion oder im Sommer an den Elbwiesen – eben typisch Dresdn.

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Später gibt es auch noch einen Weltrekordversuch und ein Feuerwerk (kommt in Dresden immer gut). Indoor-Moderator Guido Maria Kretschmer ist furchbar aufgeregt und seine Kollegin Mareile Höppner zwinkert viel zu viel und sieht in echt gar nicht so gephotoshoppt aus. Am Ende bekommt der obligatorische Saudi einen St.-Georgs-Orden für irgendwas. Und die Kruzianer singen. Es gibt BER-Flughafenwitze und wir wünschen uns ein Bullshit-Bingo. Den Reichen und Schönen auf der Leinwand beim Feiern zuzuschauen ist auf die Dauer aber eben doch sehr langweilig. Und als der B- und C-Promi-Tross auf dem roten Teppich an uns vorbei gezogen ist, entdecken wir am Opern-Eingang den Türsteher des Neustadt-Clubs unseres Vertrauens. Er gibt uns die Hand und fragt, ob wir uns gleich „drüben“ sehen. Er meint die andere Elbseite und wir denken: Auf jeden Fall. Und machen uns auf den Weg zurück in die Normalität.

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