So schön sind die 20er – Prohibitionsparty im Stammhaus

Jedes Jahr begibt sich das Feldschlößchen Stammhaus am ersten Novemberwochenende auf eine wilde Zeitreise in das trockene Jahrzehnt und begießt die Prohibition. Das haben wir uns mal angeschaut.

Eine Wasserwelle zu legen, ist nicht unbedingt die leichteste Übung. Nach gefühlten 200 Youtube-Tutorials und einer Stunde im Bad habe ich etwas auf dem Kopf, was so ein bisschen so aussieht wie die berühmte Frisur aus den 20ern. Warum der Stress? Weil wir zur Prohibitionsparty gehen – zu DER Themenparty Dresdens, das Kult-Urgestein der hiesigen Feierszene. Und da will ich natürlich einen entsprechenden Auftritt.

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Alex der Tolle hat sich sogar einen Frack ausgeliehen. Ich glaube, dass ich ihn noch nie in anderen Schuhen als diesen Stoff-Sneakern gesehen hab und ich trage eine pompöse Perlenkette. Wir sehen erwachsen aus, das ist also heute hier in vielerlei Hinsicht eine Premiere 😀 Wir gehören zu den 600 Gästen, die es heute Nacht hier krachen lassen wollen. Das Publikum, was mit mir vorm Feldschlößchen Stammhaus steht, ist augenscheinlich älter als der gemeine Partydurchschnitt. Die meisten reisen mit Taxi an. Ich bin neidisch, weil ich auf meinen viel zu hohen Schuhen und in meinem viel zu dramatischen Make Up mit dem Bus hierherkommen musste. Vermutlich haben mich die Öffi-Mitreisenden für einen dieser Horrorclowns gehalten.

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Nach kurzem Bibbern in der Kälte ist es 20:07 Uhr. Startschuss! Eines der besten Dinge an dieser Party ist, dass sie einfach direkt losgeht. Pünktlich öffnen sich die Türen des Stammhauses, das tip top im 20s Style gekleidete Publikum strömt – von Live Musik begleitet – herein und füllt die vier Etagen der Location. Und los geht es. Alle sind da, alle tanzen! Diese Veranstaltung ist beeindruckend, weil sie in jeder Hinsicht durchchoreographiert scheint. An jedes Detail ist gedacht. In der ersten Stunde nach Partybeginn gibt es „Stadtführungen“, die die Gäste durch das riesige Haus führen. Bezahlt wird hier ausschließlich mit „Dollars“, die bei diversen jungen Frauen am Wegesrand getauscht werden können. In jeder Etage gibt es Live Musik und damit man auch direkt dazu tanzen kann, gibt es mehrere Swing-Kurse.

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Mein liebstes Detail sind die Getränke aus Porzellan. Klar, denn es herrscht ja Prohibition, offiziell gibt es hier nur „Tee und Saft“ zu genießen. Wir bestellen eine große Kanne „Hopfentee“ mit zwei kleinen Tassen und stoßen an. Klassischer Anfängerfehler, der uns als Neulinge entlarvt. Der geneigte Prohibitionspartybesucher trinkt nämlich direkt aus der Kanne. Classy as fuck. Dann machen wir uns auf, die Location zu erkunden. Das Feldschlößchen Stammhaus ist auch während seines normalen Alltags ein echter Hingucker mit bezaubernd urigen Sälen, Räumen und einem großen, offenen Brauhaussaal mit Galerie. Vier Tage lang nimmt sich ein Team von Theaterbauern jedes Jahr Zeit, das große Braugasthaus zu verwandeln: Fenster werden zugebaut (draußen soll schließlich niemand etwas vom verbotenen Treiben mitbekommen), Wände verkleidet, Sitznischen, Bühnen, Kulissen werden aufgebaut. Es entstehen Tanzsäle, kleine „Flüsterbars“, ein Salon.

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Gut versorgt wird man auch: Es gibt überall Bars, sogar im Fahrstuhl. Schnittchen und Gewürzgurken können an mehreren Orten erstanden werden, das 30-köpfige Gastro-Team ist natürlich ebenso mitten im New York der 20er und weist jeden Gast, der kopflos doch mal ein BIER bestellt, darauf hin, dass es hier keinen Alkohol gibt. Generell ist das, was das Stammhaus hier organisatorisch stemmt, beindruckend. 110 Leute gehören insgesamt zu der Crew: Auf- und Abbauer, Musiker , Animateure, Security und Bank – all das funktioniert dabei reibungslos und völlig sympathisch.

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Und langweilig wird es nie. Zunächst gibt es ja überall Jazz und Swing aus feinster Hand: DrugMiller’s Bigband spielt auf, Youkali ist mit von der Partie und der Komponist Micha Winkler bringt mit der Dresden Bigband die Leute zum Tanzen. In den Pausen sorgen Genre-DJs für den musikalischen Rahmen. Direkt unterm Dach hat sich ein „China Town“ dekorativ breit gemacht, ein Electroswing DJ sorgt dort für Extase. Also echt! Die Leute rasten aus. Vor dem Salon „Die rote Orchidee“ befindet sich ein Mini-Kino mit Peep Show (juhu!). Im Erdgeschoss lichtet ein Fotograf Gäste im Vintagstyle ab. Zwischendrin bestaunen wir Kartenspielertricks, eine Burlesque-Show (huiuiui), lassen uns von einer Wahrsagerin die Karten legen. Wahnsinn!

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Diese Veranstaltung ist in ihrem 24. Jahre eine beindruckend perfekte Nummer. Vor lauter Begeisterung vergisst man sich fast zu betrinken. (Aber nur fast). Ich bereue es den ganzen Abend, dass ich weder Lindihop noch Swing beherrsche. Alex der Tolle klammert sich panisch an seine Kamera, als ich mit ihm am Tanzkurs teilnehmen will. Bis nächstes Jahr hole ich die Tanzkenntnisse auf jeden Fall nach. Denn die Paare auf der Tanzfläche – natürlich alle im feinsten Zwirn – scheinen wirklich Spaß zu haben. Ich kann mir generell nicht vorstellen, dass jemand auf dieser Veranstaltung keinen Spaß hat. Ich bin zum ersten Mal da und angefixt. Absolute Besuchsempfehlung von mir. Aber: Man muss schnell sein, die Karten sind immer unglaublich schnell vergriffen.

 

Fotos: Alexander Peitz

 

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