Mühe, Achtung, Detail – So verdammt cool ist Wrestling

Spätestens seit der BRN 2017 steht fest, dass Next Step Wrestling einer der großen Dresdner Player in Sachen Entertainment ist. Wrestling strauchelt auch in Sachsen avantgardistisch zwischen Sport und Show und erobert Herzen (zurück). Ein Besuch bei den Machern.

Next Step Wrestling in Dresden

Erwärmen, aufstellen, kurze Ansage vom Coach, dann Training – alles wie in jedem Sportverein. Doch der Sportverein, bei dem wir heute zu Gast sein dürfen, ist ein wenig schillernder, wenn er nach außen tritt. Die Outfits sind abwechslungsreicher, die Fans lauter, die Emotionen… nun ja… facettenreicher. Wir sind zu Besuch bei NextStepWrestling.

Seit spätestens 2013 schwappt eine Begeisterungswelle für die Schaukampf-Sportart durch Dresden. Es gibt eine glühende, Plakate malende, Hymnen mitsingende Anhängerschaft und vier bis sechs bis unters Dach gefüllte, über Sachsen verteilte Veranstaltungen pro Jahr. Spätestens seit der BRN 2017 weiß der letzte neustädter Hipster, wie geil Wrestling ist (und gibt es auch zu). Auch ich wurde bei einem der Open Air Events im Hof des „Alten Heizhaus“ erfolgreich missioniert. Das Open Air ist mittlerweile DIE Kultshow im Frühsommer jeden Jahres und Akquise-Instrument der Extra-Klasse. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder: Man fragt Freunde, ob sie einen zum Wrestling begleiten und in der Regel reichen die Reaktionen von „nee, ist mir zu cheesy“ bis zu völlig entgeisterten Blicken. Trotzdem ist es bis heute nicht einmal passiert, dass irgendjemand der Überredeten im Nachhinein bereut hat, mitzukommen.

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Wrestling ist sowieso für die meisten Leute Kindheitsliebe, die in jedem Erwachsenen leicht zu entflammen ist. Egal, ob man es mit Shakespeare oder Seifenopern hält, Wrestling hat von allem etwas, geht ans Herz und in die Stimme. Die Rollen sind klar („Robert Kaiser“ ist scheiße, „Der Waschbär“ ist super) und doch kann man gespannt sein, was im Ring passiert.  Dazu kommt die martialische Ästhetik des Sports, die einfach fetzt. Wrestling ist eine komplexe Mischung aus Performance, Choreographie, sportlicher Höchstleistung, kurz: Pures Entertainment. WER WAS ANDERES BEHAUPTET, HAT KEINE AHNUNG!!! Außerdem gibt es Musik, Special Effects und Bier. Mein Himmel also, könnte ich jedes Wochenende machen! Und dank der Storylines, die um das Matchgeschehen und um die Akteure herum gestrickt werden, kann man Wrestling auch außerhalb des Rings abfeiern, z.B. wenn einem langweilig im Büro ist.

_DSC1067-01Natürlich sind alle Charaktere der Wrestler so gebaut, dass Mitfiebern eine ganz andere Qualität erhält. Und mit einer Wrestling-Schule unterm Arsch hat Dresden natürlich eine Menge Wrestler zu bieten. Schon auf dem Weg zur Trainingshalle treffen wir Ilja „Dragunov“ Rukober. Alex, der Tolle, flüstert mir verzückt „oh my god, Ilja DRAGUNOV“ entgegen, als er uns die Hand gibt. Überhaupt gibt uns jeder in dieser Halle zur Begrüßung die Hand. Jeder, außer  T-Nox (ein ziemlich fieser Typ), weil er „ein bisschen erkältet“ ist, und ich bin ganz gerührt. Nachdem ich mich dann davon erholt habe, dass auch „Waschbär“ Laurance Roman mir die Hand gegeben hat („oh my god,  Lauri“) wird klar:  Wrestler sind sehr nette Menschen. Davon zeugt auch der Foto-Ordner voller gemeinsamer Selfies mit Zeritus, Matt Buckna, Johnny Rancid und Co. auf meinem Handy (voll peinlich). Nach jeder Show steigen die Helden aus dem Ring, heben Kinder auf ihre Schultern und lassen sich tausendfach für alberne Selfies ablichten. Es ist ein Träumchen!

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Aber heute sind wir fernab vom Ring, die Sportler tragen keine Kostüme, das Publikum  ist rar. Ich bekomme die Gelegenheit, mit dem „King of Porn“ zu sprechen, mit der lauteren Hälfte des Kult-Tag Teams „Posse in Effect“, mit dem Local Hero, mit dem unverwechselbaren Rick Baxxter. Rick Baxxter ist in Wirklichkeit Rick Baxxter. Das ist eine von vielen Erkenntnissen, die ich an diesem Nachmittag mit nach Hause nehme. Zwischen ihn und dem Wrestler mit dem Plüschmantel im Ring scheint es keinen Unterschied zu geben. Bevor wir das Interview beginnen, zieht er sich zunächst – Sexsymbol, das er nun mal ist – das T-Shirt aus und erzählt mir, in welchem Alter er die Frauen für sich entdeckt habe (mit 13). Generell kann man in seiner Gegenwart nicht sicher sein, ob er nicht spontan eine Konfettikanone aus der Tasche zieht und pinke Glitzerschnipsel in Penis-Form auf einen hernieder rieseln lässt (wogegen ich nichts einzuwenden hätte). Rick Baxxter war es, der Wrestling Ende der 90er Jahre in Dresden mitbegründete. Er war es auch, der gemeinsam mit dem wohl bekanntesten deutschen Wrestler Axel Tischer (Alexander Wolfe, WWE) die  Next Step Wrestling Schule 2012 mit aus der Taufe hob. Bis heute ist er Gesicht (und Körper) der hiesigen Wrestlingszene und agiert federführend. Baxxter ist der Einzige, der in Deutschland Wrestling Gear vertreibt und der Einzige, der individuell gefertigte Wrestling-Ringe verkauft. Seit über fünf Jahren veranstaltet er Nachwuchsshows, in der seine Schüler nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen etablierte Profis in den Ring steigen und mittlerweile schon einige Titel erringen konnten.

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Wenn man ohnehin von Wrestling fasziniert ist, wird man begeistert vom Training sein. Wenn das große, übliche Tamtam der Show, die Masken und Kostüme fehlen, dann sieht man, wie viel Arbeit, Kunstfertigkeit und auch Risiko in dieser Sportart steckt, zu der so viel mehr gehört, als nur körperlich fit zu sein. Während Baxxter sich den Wrestling-Frischlingen widmet, indem er sie crossfit-mäßig eine Art Kraftkreis des Todes durchlaufen lässt, steht Ilja Rukober in der anderen Ecke der Halle und gibt knappe Anweisungen an die Fortgeschrittenen. Man hört ihn rufen „seid kreativ“ oder „wenn du gewinnen willst, musst du schneller wieder aufstehen“. Er klingt dabei wie einer dieser strengen Lehrer aus Kampfsportfilmen, nur cooler. Er lässt kurze Kampfszenen und bestimmte Techniken proben, korrigiert, verbessert, kommentiert, lobt und man rückt abseits vom Unterhaltungsfaktor unweigerlich näher an den Sport. Weil er mit so viel Mühe und Achtung vorm Detail möglich gemacht wird. Es wird auch deutlich, wie wichtig die Interaktion mit dem Publikum ist. Die umstehenden Trainingspartner simulieren die Zuschauerschaft bei jedem Probe-Kampf, schließlich will auch anheizen gelernt sein.

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Baxxter bezeichnet „Ilja Dragunov“ als seinen Edelschüler, kürzlich hat er das wXw 16 Carat Gold, eines der größten europäischen Wrestling-Turniere, gewonnen. Er ist der beste Beweis dafür, dass die Dresdner Wrestling-Schule Stars hervorbringt. Eine Schule, die sich nicht nur um den Nachwuchs von hier kümmert. Aus Polen und der tschechischen Republik reisen Schüler alle zwei Wochen an, wenn sich der etwa 30-köpfige Verein zum Training trifft.

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Ihr werdet jetzt fragen: Nur alle zwei Wochen? Ja, in der Tat sieht es gerade düster aus mit Trainingsmöglichkeiten. Next Step Wrestling kämpft da an den gleichen Fronten, wie andere Dresdner Sportvereine. Bis 2016 konnten Ilja, Baxxter und Co. täglich eine Halle in der Neustadt zum Training nutzen. Doch die ist mittlerweile abgerissen, das Gelände wird bebaut, halloooo Gentrifizierung. Das muss ein ziemlich mutiger Bauunternehmer sein, der sich mit einem gesamten Wrestlingverein anlegt. Der Verein ist also auf der Suche nach neuen Trainingsräumlichkeiten, denn diese Halle, in der wir gerade stehen, befindet sich in der Radeberger Vorstadt. Wo? Ja, genau, ich kannte diesen Stadtteil auch nicht. Wenn ihr also einen Ort für einen athletischen Verein wisst, wo junge Männer und Frauen sich auf ihre vier bis sechs Shows im Jahr vorbereiten können: Bitte melden! Aus dem Ring fliegen will schließlich gut geprobt werden.

Wir können jedenfalls jetzt schon die nächsten Shows nicht erwarten! Am 16. September geht es in der Gewichtheberhalle in Meißen hoch her, am 9. Dezember erwartet uns die traditionelle Weihnachtsshow im Heizhaus. Bis dahin können wir uns die Zeit mit Plakaten malen, „Wrestling, Bier und Titten“-Singen und den kleinen und großen Fehden, die auf den Facebook-Profilen aller Akteure stattfinden, verkürzen.

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Wollt ihr selber mal bei einem Training dabei sein? Dann klickt hier!
Ihr habt Trainingsräumlichkeiten für den Verein, in denen man idealerweise auch mal einen Ring aufbauen kann? Dann schickt eine Nachricht!

Fotos: Alexander „der Tolle“ Peitz

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