Ist der Name Programm? – ein Besuch im L’Art de Vie

Willkommen im L’Art de Vie

Über das L’Art de Vie wird viel geredet. Aber in den Hinterhöfen der Haupt- und Königstraße reihen sich eine Menge Restaurants aneinander, über die viel geredet wird. Was bedeutet das für uns? Na klar: Wir wollen mitreden können. Also nichts wie hin da!

Wenn man ins Societätstheater möchte, läuft man quer durch den Sommergarten des selbsternannten „schönsten Gartenrestaurant Dresdens“, dem L’Art de Vie. L’Art de Vie – wie das schon klingt! Nach Champagne oder französischer Atlantikküste, nach Sonne und Sommer und mit Akkordeon begleiteter Musik. Schade, dass gerade kein Sommer ist. Der Sommergarten fällt also weg. Und auch drinnen, im Warmen, erinnert nichts an die weinbewachsenen Provinzen Frankreichs. Dominiert wird das kleine Restaurant von einer Fotoserie in Erdtönen, augenscheinlich aus den 90ern, die eine paläontologische Ausgrabung einer Art Fantasiekultur abbildet. Komisch – also so wie „die Milch schmeckt komisch“-komisch – und auch ein bisschen gruselig. Das Thema wird auch in der Speisekarte weitergespielt, die im Übrigen der Karte des Rauschenbach verdächtig ähnelt.

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Bocki mit Kraut eben

Das Restaurant preist eine saisonale, mitunter wechselnde Karte an. Wir haben das Pech, dass es bei unserem Besuch keine solche Karte gibt. Keine Angst, zu Weihnachten gab es eine. Beim Blick auf das Dauer-Menü wiederum kann man sich ein Gähnen kaum verkneifen. Rinderkraftbrühe, Kürbis-Karotten-Suppe, bunter Salat, Geschnetzeltes, Nudeln, Schweinekotelett… natürlich alles mit irgendeinem „besonderen“ Dreh. Dieser Trend, einfache, althergebrachte Speisen „neu“ zu interpretieren zieht sich ja nun seit ein paar Jahren durch die Delis und Bistros dieser Stadt. Und er ist langweilig. Nix gegen moderne Interpretationen! Ganz im Gegenteil: Ich steh auf kreative Gastronomie, Fusion Food und das ganze wilde Zeug. Aber wenn, dann richtig! Eine Bocki mit Kraut ist immer noch eine Bocki mit Kraut, auch wenn man statt Senf eine Dijon-Merrettich-Sauce an Sauerkraut-Strudel reicht. Oder hab ich es nur nicht verstanden? Aber nicht vorverurteilen ist die Devise. Erstmal kosten und dann meckern, denke ich und wir bestellen: Tatar vom Rind, Spaghetti Carbonara mit Petersilienpesto, Himmel & Erde und Zanderfilet mit gegrillter Gurke.

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Das Schabefleisch ist sicher hausgewolft (Pluspunkt), aber leider zu grob. Die reingemengte Gewürzgurke macht es unangenehm sauer, aber das pochierte Ei on top ist ein netter Kniff, auch wenn Brot und Salat in Fett baden. Gleiches gilt für die Carbonara, die man nicht OHNE SAHNE bestellen konnte. Carbonara mit Sahne? Gibt es für Leute, die eine Carbonara mit Sahne zubereiten nicht einen speziellen Platz in der Hölle? Das Gericht wird zudem völlig überschwemmt vom Pesto, das ja eigentlich nur „dazu“ sein soll. Ein schweres, unelegantes Pastagericht.

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Wir sehen uns im Sommer wieder

Und nur weil man beim Gericht „Himmel & Erde“ den Apfel in der Sauce verkocht und die Zwiebel in Teig ausbäckt, bleibt das ganze (siehe oben) Hausmannskost, die an diesem Abend leider ein wenig zu süß geraten ist. Der Zander ist en point und lila Pürree geht ja sowieso immer (fancyyyy), aber da die Beilage aus gegrillter Gurke kalt ist, passt das Gericht doch eher in die warme Jahreszeit. Und da sind wir wieder beim Thema! Ich kann mir hervorragend vorstellen, in diesem wunderschönen Barockviertel-Hinterhof die Sommerabende bei einem (zwei, drei, vier) Glas Wein zu verbringen. Die Weinkarte ist nett, übersichtlich, erlesen, vorzeigbar (ist euch aufgefallen, dass wirklich jedes Restaurant – auch dieses – derzeit diesen Goldriesling von Tim Strasser führt?). Der Service ist herzlich, wenn auch verplant. Der Sommergarten kann sicher eine magisch-leuchtender Ort sein.

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Aber die Küche mit diesen ganzen Möhrenraspeln über jedem Gericht und der Gastraum mit Möbiliar im Gaststätten-Style konnte meine eigentlich so leicht verschleuderte Liebe nicht gewinnen. Versteht mich nicht falsch, der Laden ist nicht mies. Er ist nur einfach nichts Besonderes. Alle reden über das L’Art de Vie? Wir fragen uns, warum.

Fotos: Alexander Peitz

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