Endstation Dresden: Linie 3, Wilder Mann

Wenn man eine Stadt wirklich kennenlernen will, muss man ihre Endstationen besuchen – das hab ich jedenfalls irgendwo mal gelesen. In diesen Beiträgen fahre ich bis zum Ende der Welt bzw. des öffentlichen Schienennahverkehrs und gucke mich um.

WIlderMannGaststaette
Ah, der wilde Mann. Eine Haltestelle, die jedem Touristen ein Lächeln auf’s Gesicht zaubert. Wie ein Versprechen aber auch eine Drohung prangt es an den Straßenbahnen, die das Partyvolk aus der Neustadt evakuiert. Wer hier einschläft wacht in der Wildnis wieder auf und muss bei dem Wilden Mann in die Lehre gehen und Holz hacken oder so. Jedenfalls hab ich das immer geglaubt. Deswegen habe ich meinen Survivalrucksack gepackt, habe meine urdeutsche Multifunktionsjacke angezogen und bin zum Wilden Mann gefahren.

Am Wilden Mann ist es recht gesittet

Erste Überraschung bei meiner Recherche: niemand weiß genau, warum der Stadtteil so heißt. Es gibt die Sage, dass ein einsamer Einsiedler aka. ungezähmter Kerl aka. Wilder Mann das Gebiet vom Kurfürst von Sachsen geschenkt  bekommen hatte. Als Dank für dessen Rettung, wahrscheinlich vor noch wilderen Männern. Tatsächlich war das Ganze aber nur ein Werbegag eines Barocken Influencers, der seine Gaststätte ordentlich pushen wollte. Hat er auf jeden Fall geschafft. Als ich an der Endhaltestelle ankomme, den Kopf voller Räuberpistolen, muss ich feststellen: Hier ist nichts wild. Die Gullys dampfen in den kalten, stillen Wintermorgen.

WilderMannMorgen

Schöne Wohnung und offensichtlich gute Brötchen

Der Wetterhahn des ehemaligen Gaststättengebäudes sieht auch sehr hübsch aus und glitzert in der Sonne. Ich mache einen kleinen Spaziergang und stelle fest: Hier gibt es noch unrenovierte Villen und schöne Arbeiterwohnungen aus den 20ern.

WilderMannVilla

Weiter im Norden befindet sich der Heidefriedhof, auf dem es seit kurzem auch eine buddhistische Grabstätte gibt. Für einen Besuch ist es mir heute aber zu frisch. Auf dem Rückweg komme ich um eine Ecke und stehe vor einer Schlange. Bei -10° stehen sich hier ein Dutzend Leute die Beine vor einem Bäcker in den Bauch. Ich empfinde tiefen Respekt vor so viel Durchhaltevermögen. Leider kann ich meine Füße nicht mehr spüren, sonst hätte ich mich sicher dazugestellt.

WilderMannMosaik

 

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