Eine Bühne voller Helden: Pop Up Restaurant Bro’gunder

Was passiert, wenn zwei Menschen mit viel Aktionismus, die ihr Leben dem Bereiten von kulinarischem Genuss verschrieben haben, Montagsabend eine Flasche Wein trinken? Sie denken sich „Bro’gunder“ aus und ziehen für  sechs Wochen mit einem Pop Up Restaurant nach Striesen. Und da müssen wir natürlich hin! Also hab ich die besten fünf Freunde für die Idee entflammt und Plätze reserviert. Schließlich sind auch wir von FOMO (Fear of Missing out) verfolgt. Und eins ist klar: Wer als Gastro-Fan Bro’gunder nicht erlebt hat, hat was verpasst.

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Ein außergewöhnliches Gastronomieerlebnis haben Sebastian Probst (Koch, Konditor, Superheld) und Matthias Schuh (Winzer, Weinbautechniker, Übermensch), die Macher von Bro’gunder, dort in die Cantina gebastelt: Offene Küche, moderierte Weinbegleitung, ein bisschen Infotainment und die Veranstalter zum (metaphorischen) Anfassen. Ich schreibe „Veranstalter“, weil das Ganze viel mehr Event als Restaurantbesuch ist.

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Wir werden durch die Hintertür hereingelassen. Natürlich ist die Tafel, an der 16 Menschen Platz haben, hervorragend hergerichtet. Eine große Schiebetür ermöglicht den Blick in die Küche, wo man später eingeladen ist, Sebastian Probst jederzeit über die Schulter zu schauen. Wir bekommen direkt zur Ankunft ein Weinglas geschenkt. Und zwar von Shahzad Talukder, dem scheidenden Sommelier von Bean & Beluga. Cool. Und dann der Downer: Matthias Schuh ist heute nicht zugegen. Das renommierte Falstaff-Magazin hat ihm  zum Nachwuchswinzer des Jahres nominiert und da musste er natürlich hin. Das ist an sich schon mal schlecht, denn wie soll Matthias Schuh sich jetzt in mich verlieben und mich zur Weinprinzessin auf seinem Weingut machen? Chance vertan, würde ich sagen!

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Na gut, zumindest kann ich meinen Kummer hier gut in Wein ertränken. Ungefähr ein Liter pro Kopf ist geplant, erklärt Shahzad, man solle also achtsam trinken meint auch die zweite Vertretung für  Matthias an diesem Abend: Katharina Witteck, die im Mittelfränkischen bald ihre Genießerei eröffnet. Es gibt viel Plausch, es gibt viele Ansagen, es gibt einen großen dramaturgischen Bogen, bevor es in die Küche geht, wo die ersten drei (!!!) Gänge stehend eingenommen werden.

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Ich find das gut, es ist wie eine WG-Feier nur mit viel besserem Essen und sehr viel aufgeräumter. Man steht hier den anderen Gästen gegenüber, kann sich einen guten Überblick über die Gruppe machen und generell klebt man an den Lippen von Sebastian Probst, wenn er erzählt. Anekdoten, kleine Geschichtchen, Schwänke. Er berichtet von seinem beeindruckenden Werdegang.  Er erzählt augenzwinkernd davon, dass man Matthias zur besten Service-Kraft Dresdens machen wolle und ihn deswegen jeden Abend servieren lässt.

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Und er erzählt, wie er als kleiner Junge seiner Oma beim Kochen zusah und mit Brot den Bratenrest aus der Pfanne tunken durfte. Das alles macht ein warmes Gefühl überall im Körper und der erste Gang ist an diese Erinnerung angelehnt: Brotzeit in der Küche. Da stehen also 16 Erwachsene in einer Küche und „ditschen“ Bratensaft an Kräuterbutter mit Bauernbrot aus einem Topf. That’s my kind of thing.

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Das Menü ist selbstverständlich der Knaller. Sebastian kocht sein persönliches „Best-of“ aus fünf Jahren erfolgreicher Teilnahme an den Kochsternstunden und packt es zu einem ungläublich frech-günstigen Preis in 12 Gänge. Hier hat jemand gemacht, worauf er Bock hat. Ein bisschen was Rustikales, ein bisschen was Abgefucktes, ein bisschen Chichi. Da hat keiner gefragt: Muss man diese Soße aufschäumen? Scheiß drauf, man macht es einfach. Das Tatar ist handgeschnitten, die Gänseleber mutig und herausfordernd als eine Art „Eis am Stiel“ mit Schokolade überzogen, die Lachsforelle mit der wohl knusprigsten Haut der Welt serviert (mehr dürfen wir nicht verrraten, wir haben es versprochen). Besonders spannend, der letzte Gang mit Digestif „Rum & Tabak“. Dafür hat Sebastian eine Creme mit Pfeifentabak aromatisiert, den Rum gibt es fachmännisch aus dem Flachmann.

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Die erstklassigen Weine aus dem Keller des Weinguts Schuh hauen natürlich ordentlich rein und haben viel Überraschendes. Manches prickelt und manches ist orange und ich bin sehr, sehr verliebt, vor allem in den Spätburgunder.

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Aber das, was auf dem Porzellan der Meißner Manufaktur (Leihgabe!!! noch ist alles ganz) vor uns liegt, schieben wir mal kurz beiseite. Denn es geht natürlich um mehr an diesem Abend. Es geht um Commitment, Freundschaft und Anpackertum. Diese ganzen fleißigen Leute, alle so um die 30, die um uns rumwuseln, in der Küche gerade etwas ablöschen, vor uns etwas zu Riesling erzählen oder davon, wie sie gerade ihren Businessplan schreiben, sind natürlich der besondere Hingucker.

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Sie alle gehören auf eine Bühne, auf eine große. Und eine kleine haben sie sich mit Bro’gunder bereits gebaut. Die Floskel von den „jungen Wilden“ in der Gastronomie ist ein Dauerrenner, der Weinbau zieht in den letzten Jahren diesbezüglich stark nach und Sebastian und Matthias personifizieren das, nur sind sie kein Klischee. Sie sind rastlose Überzeugungstäter, in deren Nähe man sich genötigt fühlt, Symathien zu entwickeln. Und obwohl die beiden vielbeschäftigt und erfolgreich sind, suchen sie Weiterentwicklung und Herausforderung. „In unserem Alltag erleben wir oft nur aus der zweiten Reihe, wie sich Genussliebhaber über die Ergebnisse unserer Arbeit freuen“, sagt Sebastian. Deswegen entschied man sich für einen Perspektivwechsel und das Projekt Bro’gunder. Herausgekommen ist ein rundum gelungenes Genuss-Projekt, spannend begleitet. Bravo! Bitte mehr davon!

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Fotos: Alexander Peitz

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