Weinbar mit Suchtpotential – die Weinzentrale in der Neustadt

Eine nie langweilig werdende Karte und ein unvergleichbarer Service – die Weinzentrale in der Hoyerswerdaer Straße ist unverschämte Freude für Gaumen, Herz und Hirn. Ein völlig distanzloser Beitrag über die tollste Weinbar Dresdens.        

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Der schönste Platz ist immer noch am Tresen! Zumindest für uns. Wir fallen meistens nach langen Arbeitstagen spontan und glückselig in die Weinzentrale, um uns tolle Weine über die stressgebeutelte Seele gießen zu lassen. Dann muss man meist am Tresen sitzen, denn die Weinzentrale ist immer gut besucht. Es ist also schon besser, hier einen Tisch zu reservieren, wenn man kein Thekenliebhaber ist. Und weil heute Austernabend ist, haben wir ausnahmsweise auch reserviert. Wir sitzen am größten. Die Tische hier sind so: Groß. Gut für große Freundeskreise. Und wenn man nur zu zweit da ist, dann lädt man eben Leute ein, sich dazuzusetzen. Und wenn dann noch eine Gruppe herein kommt und alle Tische besetzt sind, dann stellt Inhaber Jens Pietzonka schnell ein paar Stühle an ein Weinfass, um Platz zu schaffen. So geht das hier. So ein Laden ist die Weinzentrale eben. Gesellig, gesprächig, ohne Hierarchien und Berührungsängste, unkompliziert.

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Und spätestens seit Austern auf jedem Streetfood Market zu bekommen sind, haben sie ihr Etepete-Image verloren. Auch deswegen passt ein Austernabend in diese Weinbar wie Arsch auf Eimer. Die Weinzentrale bietet einmal im Monat (an allen Monaten mit „R“) einen solchen Abend an. Grund genug für uns, mindestens einmal im Monat hereinzuschneien. Unterm Strich sind wir natürlich ständig da, denn der Laden ist toll. Ehrlich jetzt! Dunkles Holz steht zwischen hellen Wänden, Weinkisten stapeln sich vor deckenhohen Regalen, die Deko ist schmal, aber beachtenswert (z.B. die wunderschöne handgemalte Vagina an der Damentoilette). Wöchentlich wechselt die Weinzentrale ihre Karte. Am Freitag werden beim augenzwinkernden „Restesaufen“ alle offenen Weine ausgetrunken. Der Schwerpunkt liegt meist auf deutschen Weinen. Viel dreht sich hier um Riesling, um die „jungen wilden“ Winzer, um neue Weingüter, auch um Experimentelles. Es wird über den Tellerrand geschaut, auch mal ins weinselige Ausland. Gästen wird schnell klar: Hier kümmert sich jemand!

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Lange Zeit hielt ich mich nicht für so eine, die sich abends in eine Weinbar setzt. Das junge Dresdner Gastro-Universum dreht sich ja eher um Craft Beer, Bio-Wurst oder flaschenweise Meißner Wein am Eck. Jens Pietzonka hat mich vom Gegenteil überzeugt. Der Chef der Weinzentrale ist eigentlich so gut wie immer im Laden und so eine Art vinophiler Filou. Wenn man ihn googelt, liest man viel gastronomische Prominez aus den Ergebnissen heraus: Vom „Popstar“ vom Söl´ring Hof (Sylt) ist da die Rede, von Glitzeranzügen (WIESO HABEN WIR JENS NOCH NIE IM GLITZERANZUG GESEHEN???), vom Serviceleiter des SemperOpernballs, vom Titel „Sommelier des Jahres 2013″. Das klingt alles gewichtig bis pittoresk, aber davon wissen wir ja eigentlich nichts.

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Wir kennen Jens eher als den geduldigen Kumpeltyp, der uns an die Banausenhand nimmt, um uns seine Begeisterung näher zu bringen. Routiniert weinversiert, klar, aber in seiner Obhut fühle ich mich nie als die Weinidiotin, die ich eigentlich bin. Ich hatte oft erlebt, dass Weinsommeliers so auftreten, als würden sie über eine Art Geheimwissen verfügen, das sie ungern teilen. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie man erkennt, dass ein Wein mineralisch ist. Ich mag Rosé, weil… naja, weil er rosa ist. Dafür kommt man vermutlich in die Winzerhölle und wird beim ewigen Traubenstampfen auf immer mit Rebstöcken gepiekst. Aber in der Weinzentrale reicht es, eine Art Gefühl zum Genuss zu haben. Jens und sein Team manövrieren Unwissende wie mich charmant durch Weinberg um Weinberg und fachsimpeln im gleichen Atemzug mit den krawattentragenden Auskennern neben uns. Dazu gibt es Annekdoten, Expertise, Infos zu Winzern und Weingütern – es ist die reinste Freude. Man ist immer gut unterhalten. Der Service hier ist gefühlt ständig am Tisch und zwar immer genau die richtige Zeitspanne, nie zu lang, nie gehetzt, es ist wie Zauberei.

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Essen kann man hier übrigens auch. Natürlich eher begleitend zu den Weinen, regional, saisonal, kreativ bis einfältig. An diesem Abend entscheiden wir uns nach den Austern für ein hervorragendes Vitello Tonnato, Flammkuchen mit Blutwurst und Antipasti mit Serrano und selbstgebackenem Foccaccia. Alles frisch, alles vorzüglich, alles vom Koch selbst an den Tisch gebracht. Man fühlt sich wirklich fürstlich bewirtet.

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Und sonst so? In der Weinzentrale ist eigentlich immer was los. Jens hat oft Winzer und Köche zu Gast, es gibt Weinspecials, manchmal auch Tanzveranstaltungen. An diesem Abend ist Matthias Schuh vom Weingut Schuh da, ein grund-sympathischer junger Winzer aus Sörnewitz (bei Meißen! ja, kannte ich vorher auch nicht). Matthias Schuh wirkt, als hätte er sich heute das Hemd extra für den großen Abend angezogen. Eben so, als würde er es sonst nie tragen. Und im Grunde will man ihn direkt einladen, sich dazuzusetzen. Er stellt mir einen hervorragenden Spätburgunder hin (als wüsste ich, was das ist – aber riecht und schmeckt zum Dahinschmelzen, haha). Am Ende des Abends werden wir all seine mitgebrachten Weine probiert haben. Auch so ein Laden ist die Weinzentrale. Man kann sich hier herrlich betrinken. Das ist ja auch wichtig!

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Fazit: Geht dahin und lasst euch entflammen! Mein Standpunkt wurde klar, denke ich 😉

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Fotos: Alexander Peitz

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